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16 Es ist eine Frage des Geschmackes

Einmal, nicht lange her, verlor ich meine Hosen. Leichtsinnig von mir, ich weiß, aber ich vergaß, sie in meinen Koffer für den Trip nach Japan zu packen. Normalerweise werden sie in meinem Umkleideraum zurückgelassen, immer mit Schweiß durchtränkt. Sie tauchen beim nächsten Konzert auf, liebevoll, gewaschen, ausgelegt mit meinen andern Kleidungsstücken. Die unbesungenen Helden des Backstages kümmern sich um unsere Verpflegung und Garderobe in so einer überaus professionellen Art; und wir können uns auf ‚höhere' Dinge konzentrieren.

Nun, es wurde bestimmt dass wir ohne Garderobe für die Japan-Tour auskommen würden mit den Kosten als Grund. Obwohl es damals Sinn machte, sollte es sich als falsche Sparsamkeit herausstellen. Ich kam in Nagoya ohne Hosen an; wahrscheinlich weil ich mich seit einigen Jahre nicht um das Zeug hatte kümmern müssen das ich auf der Bühne trage und weil die Abteilung Hosen in meinem Gehirn (sic) mehr über deren Belegung als deren Abwesenheit besorgt ist.

Also war ich gezwungen zu improvisieren; dies sollte die Alarmglocken für jedermann läuten lassen, der mich kennt oder sich auch nur die Mühe macht zu schauen. Ich habe den Modesinn eines Saxophones, ich bin zu kleidungsmäßiger Eleganz was der Große Weiße zu P.C. ist. Das Problem ist, Kleidung hat mich über die Funktion hinaus nie interessiert. Ich habe tapfer versucht, auf die Ermunterungen 'jener, die sich um diese Dinge sorgen' einzugehen, aber es klappt niemals wirklich.

Ich bin echt verwirrt, was ist das Aufheben? Das Heft ‚Ketwangg' machte sich um die frühen 80er so viel Mühe, Elasthan-Ausführungen zu schicken um meine untere Hälfte zu bewerten, dass ich dachte es wäre eine neue Art von Hosenzeitschrift. Vielleicht ist es die Erwartung, die Konvention, die Einteilung…ihr wisst, Milletts und Gucci, Hippies und Punks. Leute (nein, ich meine nicht ‚wirkliche' Leute, einfach ‚irgendwelche' Leute, die die selbsternannten Schiedsrichter der Mode sind, die Beamten des Stils), möchten wissen wo du stehst, und deine Kleidung ist deine Aussage bezüglich deiner Absichten. Nun, das ist nett, oder?

Wie auch immer, ich stöberte durch meine Koffer und fand nichts Offensichtliches das ich auf der Bühne tragen konnte. Ein Paar alter formloser Jeans; Schande über mich, Pyjamas; hm, vielleicht, Trainingshosen; zu schwer wenn nass…ich weiß nicht. Meine erste Anforderung auf der Bühne ist Komfort. Ich mag es nicht meine Schultern und Arme bedeckt zu haben; zugegeben, dies schließt mich aus dem Kabaret-Zirkus aus, ‚aber was soll's, ich überraschte sie mit einem Welpen' (zip - woof!). Ich kann nichts Einengendes von der Taille hinunter tragen weil ich es mag ein wenig herumzuspringen. Wenn ich einmal das Richtige gefunden habe neige ich dazu es für Jahre zu tragen, bis es auseinanderfällt, oder fortgezaubert wird von ‚denen, die sich um diese Dinge sorgen'.

‚Oh, schau! Ein Paar schwarze Shorts, das wird gehen.' Dieser eine Gedanke, in einer Nanosekunde geformt, diese sorglose Entscheidung, als frei von Folgen gehalten; habt ihr von der Chaostheorie gehört? Nun, ich bin echt überrascht dass das Universum nicht in sich selbst zusammengefallen ist, so weit das ist.

Ein altes Paar Converse All Stars (puuuh!), ein Paar sackartiger schwarzer Shorts (von der knielangen Art) und ein abgeschnittenes schwarzes T-Shirt…erhaben. Ich tanzte mich im Boogie durch zwei oder drei Auftritte bevor die Wolken sich zu sammeln begannen. Das Grollen von nahendem Donner. Die geeinte Welle von Kritik traf wie ein Tsunami. ‚Wir' (d.h. jedermann, der in den Raum kommen konnte) ‚mögen DIESE Hosen NICHT!'

‚Wow' dachte ich, ‚das ist ein erstes Mal'. Das Äußerste was meine Bekleidung bisher erreicht hatte war……nichts; äußerstenfalls gähnende Gleichgültigkeit. ‚Was; grübelte ich, ‚könnte so eine Reaktion gefördert haben?' Die Kommentare reichten von ‚sie lassen deine Beine mager aussehen (oh Mann, na das ärgerte mich wirklich) bis zu, und das ist mein Favorit, ‚es wäre nicht so schlimm, wenn es Sommer wäre'. Ich habe Neuigkeiten für dich, Kumpel, es ist Sommer jede Nacht da oben; sieh dir nur die Pfütze an in der ich nach 2stündigem vollem Einsatz stehe.

Das Ergebnis von all dem ist wirklich produktiv. Die ‚Shorts' waren urprünglich eine vorübergehende Maßnahme, ein Behelf, aber jetzt wurden sie interessant, und ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie interessante Kleidung…also nehme ich an dass sie für eine Weile da sein werden.

Es wurde offensichtlich dass das fehlgeschlagene Komplott (die Große Hosen-Verschwörung) von so machiavellistischen Ausmaßen war dass einzige was sie zunichtemachen konnte …Geschmack war!, was mich an ein paar Zeilen erinnert, die ich einst gekritzelt hatte, betitelt…

Sinne…

Wenn ich denn meine Sinne verlieren sollte
       Und viele sagen ich hätte welche
Möchte ich sie in dieser Reihenfolge verlieren.
Sicht sollte das erste sein das geht
       sie wird ohnehin schwächer
Und dann ist Gehör nicht weit dahinter.
       Ich brauche einen ruhigen Tag oder zwei
Ich bin ergriffen genug
       und Geruch ist an mir verschwendet.
Ich denke ich würde als letztes aufheben
       meinen Geschmack…meinen unfehlbaren Geschmack.


© Ian Gillan 1996

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