Überprüfung der 'One Eye To Morocco' - Jason Hillenburg

Gott bewahre mich vor jenen Gedanken 
Die Männer alleine in ihrem Verstand denken
Er, der ein bleibendes Lied singt
Denkt in einem Knochenmark

Von allem das einen weisen alten Mann ausmacht
Kann das am meisten gepriesen werden
Oh was bin ich dass ich nicht erscheinen sollte
Als ein Narr um eines Liedes Willen?

Ich bete - denn das Wort der Mode ist draußen
Und das Gebet kehrt wieder zurück
Dass ich erscheinen möge, obwohl ich alt sterbe,
Als ein dummer, leidenschaftlicher Mann. 

William Butler Yeats, A Prayer For Old Age

Leidenschaft ist einer jener ewigen Werte die ein menschliches leben leiten können und, da wir altern, können diese Leidenschaften durch den Lauf der Zeit ungeschmälert bleiben. Sie bleiben über die Jahre hinweg und geben unserer Reise durch dieses Leben eine Bestimmung die ihm anderenfalls fehlen könnte. Mehr noch, unsere Leidenschaften sind mit dem Alter noch schärfer. Wir erinnern uns nostalgisch an die Privilegien der Jugend die weggefallen sind. Wir sinnen über die Schönheit von lang vergangenen Tagen nach, über deren Siege ebenso wie über die Niederlagen. Wir werden verfolgt, zum Besseren oder Schlechteren, von einem schrecklichen Sinn von Vergänglichkeit da wir älter werden und unserer ruheloser Blick zum nächsten Horizont unsere leidenschaftliche Bestätigung für die wesentlichen Werte des Lebens ist.

In Gillan ist ein törichter, leidenschaftlicher Mann. Er hat einen weiteren Höhepunkt in seiner Karriere erreicht und ich glaube die jüngsten Jahre haben Gillan dabei gefunden dass er sich das Handwerk des Songschreibens mit einem Enthusiasmus aus vollem Herzen zu eigen macht die einem Mann in seinen Zwanzigern mehr anstehen würde. Da ist eine grenzenlose Neugier in seiner Stimme, ein großzügiger Überschuss an Freude, und die süße Melancholie die ein gut geführtes Leben bringen kann.

Das Album beginnt mit dem Titellied. "One Eye To Morocco" ist eine dezente, rhythmische Meditation über persönliche Reisen. Es sind hier Blicke und Klänge aus der körperlichen Welt und es sind die persönliche Reise durch Verstand und Seele hier repräsentiert. Diese Reise durch "die duftende Nacht" ist beladen mit den Träumen und Obsessionen einer Lebenszeit. Das leicht exotische Gefühl des Songes gibt ihm eine zusätzliche Anziehungskraft.

Gillans Gesang ist einfühlsam und forschend. Er fühlt seinen Weg durch den Text und macht jede Anstrengung um die Worte mit der offenherzigen Ehrlichkeit auszustatten die sie verdienen. Der Hintergrundgesang den man in der Überleitung hören kann ist ein netter Touch und er gebraucht ihn im Refrain mit noch größerer Wirkung. Die Gitarre wird geschmackvoll und subtil eingesetzt.

Der nächste Song, ein mehr traditioneller Rocker betitelt "No Lotion For That" hat Obertöne nach alter Rock 'n' Roll Schule mit seinem eindringlichen Beat und seiner Einfachheit. Wenn der Song im Refrain die Gänge wechselt nimmt er ein moderneres Gefühl an. Der Song ist ein übermütiger, guter Ritt und der instrumentale Break der ein kurzes Blechbläser- und Gitarrenduell bietet, ist ein Höhepunkt. Gillans Gesang ist prahlerisch und selbstbewusst. Die Band, die sich an der Energie nährt die nur ein Spitzensänger einer Gruppe von Musikern bringen kann, kommt Gillans Angeberei gleich mit einer gebieterischen Darbietung von ihr selber.

Das Latino-beeinflusste "Don't Stop" ist ein weiterer Song über Bejahung, unter anderem. Er erzählt von neuen Herausforderungen denen man begegnen muss, neuen nächsten Tagen die auszukosten sind und neuen Bergen die zu ersteigen sind. Der ununterdrückbare Elan mit dem die Band spielt ist leicht und frei, sie spielen mit der Flüssigkeit eines erstklassigen Liveensembles und erreicht einen überragenden Ensemble-Sound. In diesem Sinne scheint es angemessen einen Moment zu nehmen und zu Nick Blagonas Produktion etwas zu sagen. Das Album profitiert von einem nahtlosen Mix - die Trennung zwischen den Instrumenten ist in meinen Ohren ideal und der Sound erreicht eine kompositorische Kohärenz die den Songs echten Charakter verleiht. Andere Songs auf diesem Album, ziemlich einfach in ihrer Konstruktion, erhalten durch Blagonas Produktion Qualitäten die sie sonst nicht hätten. Die Präsentation ist ehrlich und frei von Überheblichkeit. In starkem Kontrast zu anderen, die Deep Purple produziert haben, vertraut Blagona diesen Songs.

Kehren wir zu diesem Song zurück, das Schlagzeug ist stark und, wieder einmal höre ich wie ein 50er Rock and Roll Einfluss in den Verlauf kriecht. Es war von der ersten Note des ersten Songs an offensichtlich dass diese Songs nicht nur eine Sache sind. Dies sind Songs mit vielen Gesichtern, ich glaube dass Songs wie dieser und die nachfolgenden zwei weit über der Reichweite von einem Gillan in 1973 gewesen wären. Dies ist kein Schlag gegen Gillan, es ist einfach eine Behauptung dass sein Talent die Zeit brauchte um sich zu entwickeln und zu reifen um nuancierte Songs wie diesen hervorzubringen.

Der nächste Titel, eine schnellere Nummer betitelt "Change My Ways" war ein Titel den er ursprünglich Deep Purple angeboten hatte, aber die Band hat ihn nie aufgenommen. Dieser Song ist derjenige von dem ich frühre gesprochen habe dass er ziemlich simpel in seiner Konstruktion wäre und der jedoch von der Produktion profitieren würde. Vom Harmonika-Stoß der den Song beginnt bis zu den verstreuten Noten die die Melodie beenden ist "Change My Way" musikalisch beinahe schmerzhaft einfach, aber dennoch ist es klangmäßig auf eine Art präsentiert dass es deine Aufmerksamkeit erzwingt. Er wurzelt sicher in der Bluestradition und Gillan stellt seine Meisterschaft in diesem Stil sowohl in seinem Vortrag als auch dem textlichen Inhalt zur Schau.

"Girl Goes To Show" ist trotz seines verführerischen, attraktiven Grooves noch einmal eine melancholische Melodie, die sich mit der unbarmherzigen Sanktion der Zeit, dem Geschmack von Bedauern und Erinnerungen befasst, die über die Jahre zu Asche geworden sind. Der Song berührt und bewegt. Die Musikalität ist wieder hoch, Michael Lee Jacksons Gitarre ist wundervoll und die Rhythmus-Sektion spielt mit einem entspannten, selbstbewussten Schritt der täuschend mühelos klingt. Ians Performance bei diesem Song ist das Highlight des Albums.

Wenn Gillan singt "It's another day, you know/So irresponsible/Know what we want/Seems that nothing's impossible/No materials to lose/I don't have to wash my hair/I don't have to wear my shoes" überkommen mich süße Erinnerungen. Die Kombination von seiner Phrasierung und dem textlichen Inhalt ist hier unvergleichlich. Das ist Musik mit echter Klasse, Tiefe und Gefühl.

Der langsame Blues-Brand von "Better Days" beschwört Bilder von traurigen, verrauchten Räumen hervor und die Vorstellung von Aufrechterhaltung von Hoffnung auf die Zukunft trotz der offensichtlichen Widrigkeiten der Gegenwart. Bedauern und Hoffnung stehen hier nebeneinander und Gillan schätzt sie ein. Es ist eine weitere starke Leistung; wieder bringt Gillan echtes Gefühl und Nuance in seinen Gesang.

Der nächste Song, "Deal With It" ist ein weiterer Höhepunkt des Albums. Es ist ein weiteres stimmungsvolles, stilisiertes Stück mit einem dunklen Beiklang der in der bedrohlichen, effektbeladenen Gitarre widergespiegelt wird, und wie im generellen das musikalische Gerüst des Songs in einem Meer von Echo zu strudeln scheint. Womit sich der Song "befasst" ist, in einer typisch witzigen Gillan Erzählung, der Druck und der Stress des Lebens. Es ist eine trockene Erzählung voll mit Slapstick und spezifischem Humor.

"The Ultimate Groove" mag nicht der ultimative Groove sein, aber es ist ein flüssiger, sexy Leckerbissen. Trotz seiner funky Tendenz ist es zum größten Teil ein direkter Rock Song. Eine weitere überragende Gesangsleistung von Gillan erhebt diesen ansonsten leichtherzigen Text. Die rauchige Stimmung seiner Stimme erinnert mich an Nächte, die ewig zu dauern scheinen, an Frauen die unmöglich schön sind und das Gefühl des Staunens das und im Leben oft befähigen kann. Musikalisch ist es eine weitere erstaunliche Darbietung der gesamten Band. Wieder einmal profiliert sich Michael Lee Jackson durch hervorragende Gitarre. Ebenso legt Rodney Appleby eine starke, flüssige Basslinie nieder, meisterhaft akzentuiert durch Howard Wilsons Schlagzeug.

"The Sky Is Falling Down" geht auf viele der zentralen Themen des Albums ein. Wenn Gillan im Refrain singt "I've got my mind on other things right now", ist sicherlich eines der Dinge die Ewigkeit. Die Bindungen der Jugend sind weggefallen und Gillan schwört jetzt Treue den ewigen Wahrheiten; Liebe, Freundschaft und Leidenschaft, unter anderen. Natürlich hat der Song andere Anliegen - Gillan bezieht sich auf soziale Probleme in einem der Verse mit seinem typischen schneidenden Witz zu dem Thema. Es ist ein weiterer starker Song. Das Album ist wirklich erfolgreich auf jeder Ebene - die mühelose Perfektion in der Musik und ihr hohes Level an Musikalität sind einfach phantastisch.

Während es beträchtlich leichter als viele Songs auf dem Album ist, bietet "Texas State Of Mind" nichtsdestotrotz eine weitere exzellente Performance der Band. Der Song, einfach in seiner Konstruktion, liefert der Band ein starkes Fundament über dem sie einige heiße Gitarren-Licks und Piano Stücke liefern können. Jesse O'Briens Pianospiel ist für mich ausschlaggebend. Ohne das würde der Song sehr viel verlieren.

Da ist so viel in "It Would Be Nice" dass es schwer ist, das alles in einer Besprechung zu umfassen. Die ruhige, meditative Orgel die Gillan durch die ersten Strophen begleitet arbeitet mit ihren leisen Tönen um eine kraftvoll reflektive Stimmung zu erzeugen. Da ist auch ein entzückendes, kristallines Gitarrenspiel das für das Gehör beruhigend wirkt. Wenn die Überleitung schlussendlich in einen stampfenden Hard Rock ausbricht, klingt es perfekt natürlich und der Text ist scharf und beißend. Die Beifügung von Blechbläsern zum Song funktioniert hervorragend. Diese Band, mit Gillan am Ruder, scheint zu allem fähig zu sein.

Das Finale, "Always The Traveler" ist der perfekte Abschloss für dieses Album. Dieser elegische Titel voll von bittersüßem Bedauern bietet dennoch mehr beeindruckende Gitarrenarbeit und eine wundervoll dezente Orgel im Hintergrund. Da spielt sich eine Menge ab - es gibt Humor, Liebe und Schmerz verstreut über den Song und diese ungleichen Spannungen teilen eine Gemeinsamkeit und, in Gillans Händen, eine gedankenvolle Eleganz und Schönheit die Gillan selten zuvor in seiner Karriere erreicht hat.

Dies ist die beste Aufnahme, vom Anfang bis zum Ende, die Ian Gillan jemals gemacht hat als ein Solokünstler. Es ist ein Werk von Leidenschaft und Leben. Die Erfahrung, mit diesem Album zu leben, hat meinen Respekt für Gillan als Künstler und als Mann erhöht. Weil, macht keinen Fehler, dieses Album uns den allerliebsten Blick auf Gillan, das Individuum, gewährt, den wir jemals auf einer Aufnahme hatten. Dieses zutiefst persönliche Album sollte Gillans Vermächtnis verfestigen.

Jason Hillenburg

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